Verkehrsunfall – was nun?

Verkehrsunfall – was nun?

von Michael Pommerening

 

Zu den gefürchteten Stresssituationen unseres Alltagslebens gehört ein Verkehrsunfall. Auch wenn man – was das Wichtigste ist – unverletzt geblieben ist und – noch besser – auch keine Schuld zu haben glaubt, herrscht große Unkenntnis und über das richtige Verhalten danach.

Diese Unsicherheit wird leider oft ausgenutzt. Wir wollen deshalb in zwei Beiträgen helfen, diese zu überwinden und häufig auftretende Fragen ansprechen.

Das Verhalten nach dem Unfall

Versuchen Sie, ruhig zu bleiben – Hektik ist unbegründet und verursacht nur Fehler. Tauschen Sie die Personalien aus, rufen Sie bei Verletzten oder Verdacht auf Beeinträchtigungen (Alkohol, Drogen) immer die Polizei. Notieren Sie vor allem die Namen und Adressen von unbeteiligten Zeugen, die im eigenen Fahrzeug sind wenig wert. Führen Sie immer ein Unfallaufnahmeformular Ihrer Versicherung im Handschuhfach mit und nach Möglichkeit eine einfache, funktionsfähige Kamera (Batterien!). Heute hilft auch ein Fotohandy – nehmen Sie auf jeden Fall die Endstellungen der Fahrzeuge auf, bevor die Unfallstelle u. U. geräumt wird. Dies sollten Sie vor Eintreffen der Polizei aber nach Möglichkeit vermeiden.

Viele argumentieren bei einer angeregten gemeinsamen Ausfüllung des Schadensformulars, Schuldanerkenntnisse seien von der Versicherung verboten. Das ist zwar richtig – gilt aber nur für die rechtliche Bewertung: Sie dürfen selbstverständlich schreiben „Fahrzeug A fuhr auf Fahrzeug B auf“ oder dies in der Skizze deutlich machen.

Als eventueller Mitverursacher haben Sie ein Aussageverweigerungsrecht gegenüber der Polizei!

Einschaltung eines Rechtsanwalts?

Normalerweise gilt im Zivilrecht: Wer einen Anwalt einschaltet, muss ihn selbst bezahlen, wenn nicht Verzug der Gegenseite vorliegt. Diesen Eindruck versuchen auch einige Versicherer zu fördern, wenn Sie gleich im ersten Anschreiben vor Kosten warnen, die nicht erstattet würden. Der Bundesgerichtshof hat aber schon vor vielen Jahren entschieden, dass nach dem Grundsatz der Chancengleichheit – die Sachbearbeiter sind Fachleute! – bei einem unverschuldeten Unfall sofort ein Rechtsanwalt eingeschaltet werden darf. Nutzen Sie dies, es gibt – wie auch im folgenden Beitrag zu zeigen sein wird – viele Fallstricke!

Feststellung der Schadenshöhe

Die Versicherungen bieten an, einen eigenen Sachverständigen zu schicken – lehnen Sie dies dankend ab. Auch Ihre Werkstatt wird Ihnen vielleicht das Gleiche anbieten – nehmen Sie lieber einen eigenen oder den vom Anwalt vorgeschlagenen. Wenn Sie preiswerter reparieren möchten, was Sie dürfen, muss die Werkstatt ja nicht unbedingt wissen, wie hoch der Gutachter der Schaden geschätzt hat! Lassen Sie sich auch nicht einreden, Sie müssten die Kosten vielleicht selbst tragen – selbst bei einem Gutachten, bei dem sich später herausstellen sollte, dass es Fehler enthält, haften Sie nicht dafür.

Wichtig ist die Einschaltung eines unabhängigen Sachverständigen, weil er die Stundensätze der Fachwerkstatt kennt, weil er die schwierige Abgrenzung zum Totalschaden beherrscht, für den eventuellen Restwert Interessenten benennt und weil er auch eine mögliche Wertminderung beziffert.

Braucht man eine Rechtsschutzversicherung?

Grundsätzlich gilt, wie bereits ausgeführt: Bei einem unverschuldeten Unfall muss die Versicherung des Verursachers alles zahlen. Es gibst aber häufig Fälle, wo es Streit zur Schadensverteilung und/oder zur Schadenhöhe gibt, und dann ist es schon ein gutes Gefühl, eine Deckungszusage auch für die Unwägbarkeiten hinter sich zu wissen. Die Rechtsschutzversicherung deckt ja auch andere Risiken im Zusammenhang mit dem Auto ab: fahrlässige Straftaten, Ordnungswidrigkeiten und Probleme beim An- und Verkauf eines PKW.

Mein Rat lautet daher: Jeder, der Auto fährt, sollte zumindest einen Verkehrsrechtsschutz haben. Empfehlenswert sind hier vor allem die großen Versicherer (wie DAS, ARAG) oder als Spezialist der ADAC.

In der nächsten Folge lesen Sie: Welche Probleme kann es geben, und wie sind Sie zu lösen (Z.B. Totalschadenabgrenzung, Mehrwertsteuer, Eigenreparatur, Restwerte aus dem Internet, Nutzungsentschädigung oder Mietwagen, Mitschuld u.v.a.m.)

Im letzten Heft hatten wir uns mit den Problemen in der Zeit gleich nach einem Unfall beschäftigt – heute geht es um einige konkrete Fragen und Streitpunkte in der Abwicklung.

Haftungsquote oder Vollregulierung

Es gibt viele typische Unfälle, bei den die 100%ige Haftung von vornherein klar ist, beispielsweise Auffahrunfälle oder Vorfahrtverletzungen. Aber auch hier kann es Streit geben: Hat der Vorausfahrende grundlos stark gebremst, ist jemand zu schnell oder ohne Licht gefahren? Bei einem Auffahrunfall mit mehreren Beteiligten, einem so genannten Kettenunfall, kommt es häufig darauf an, ob aufgeschoben wurde oder durch Auffahren bereits des Vorausfahrenden der Bremsweg für den Hintermann verkürzt wurde. Streit gibt es fast immer bei einer Kollision zwischen Linksabbieger und Überholer, und auch in vielen anderen Konstellationen wird nur der Jurist beurteilen können, welche Quote zu erzielen ist.

Totalschaden oder nicht?

Einer der Hauptstreitpunkte bei der Abwicklung ist die Frage, ob ein Fahrzeug noch reparaturwürdig ist. Hier versuchen die Versicherungen auch häufig, dieses Problem zu ihren Gunsten zu beeinflussen, indem sie beispielsweise ein höheres Restwertgebot aus dem Internet vermitteln. Die Rechtsprechung ist noch nicht einheitlich, und auch hier ist der Fachmann gefragt, damit man als Geschädigter nicht zu kurz kommt.

Ein besonderer Fall ist die so genannte 130%-Rechtsprechung. Diese billigt dem Geschädigten zu, bei einer eigentlich nicht lohnenden Reparatur diese doch durchzuführen, und zwar eben dann, wenn eine Überschreitung um maximal 30% vorliegt. Damit ist es aber noch nicht getan: der Bundesgerichtshof verlangt dann auch noch den Nachweis, dass das Fahrzeug nicht innerhalb des nächsten Halbjahres verkauft wurde – und erst dann muss auch die Differenz zur für den Geschädigten ungünstigeren Totalschadenabrechnung gezahlt werden.

Abrechnung nach Gutachten

Eine legale Möglichkeit, bei einem Unfall sogar etwas Geld übrig zu behalten besteht in einer Abrechnung auf Gutachtenbasis. Die Versicherungen haben in der Vergangenheit immer wieder versucht, dies verbieten zu lassen, dabei aber nur erreicht, dass dann die Mehrwertsteuer nur noch bei Vorlage der Rechnung zu erstatten ist. Der Hintergrund ist, dass der Sachverständige korrekterweise („Porsche-Urteil“) mit den Preisen einer Fachwerkstatt abrechnet, viele Geschädigte dann aber bei der Billigwerkstatt reparieren lassen oder sogar selbst reparieren.

Mietwagen oder Nutzungsentschädigung?

Wenn der beschädigte Wagen wegen der Reparatur oder der notwendigen Neubeschaffung eines Ersatzfahrzeuges nicht zur Verfügung steht, handelt es sich um einen erstattungspflichtigen Schaden. Wer unbedingt das Auto benötigt, wird einen Mietwagen nehmen, allerdings eine Klasse schlechter als sein eigenes Fahrzeug. Wer darauf verzichten kann wird oft die Nutzungsentschädigung wählen, für die es die „Sanden-Danner-Tabelle“ gibt.

Schwierigkeiten kann es auch hier geben: Stand ein Zweitwagen zur Verfügung, hätte der Geschädigte wegen seiner Verletzung das Fahrzeug gar nicht nutzen können, war der Zeitraum für Reparatur oder Ersatzbeschaffung zu lang, und von wem war er zu vertreten?

Der Nutzungswillen muss stets durch einen Nachweis der Neubeschaffung oder der Reparatur belegt werden, hier kann die Versicherung aber nicht die Vorlage der Reparaturrechnung verlangen – ein Foto oder eine Bestätigung des Gutachters reichen aus.

Weitere Schadensersatzpositionen

Von der Versicherung ist für die Laufereien zusätzlich eine Unkostenpauschale zu zahlen, die sich auf 15 bis 20 € beläuft. Des weiteren sind Entsorgungskosten oder die Kosten für die Neuanmeldung einschließlich der Schilder von ihr zu tragen. Streit gibt es häufig über Radio-Umbaukosten, Verbringungskosten zum Lackierer, Nachbesichtigungskosten, die Frage der Mehrwertsteuer für den Restwert und natürlich über die Höhe des Schmerzensgeldes.

Zusammenfassung

Sie haben gesehen: Ein Verkehrsunfall beinhaltet eine Vielzahl von Problemen und Risiken, die nur ein Fachmann lösen kann. Scheuen Sie sich nicht, einen Anwalt Ihres Vertrauens einzuschalten, der über hinreichende Erfahrung und Kenntnisse auf diesem Rechtsgebiet verfügt. Und – schließen Sie für diesen Bereich eine Rechtsschutzversicherung ab, wenn Sie sie nicht schon haben!